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Center for Cultural Studies on Science and Technology in ChinaTeilprojekte

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Alltagstechniken Chinas als Ausdruck ideologischer Haltungen: Vestimentäre Körpertechniken der "Großen proletarischen Kulturrevolution"

Lupe

Dissertationsprojekt von Iris Hopf

Die Art und Weise, wie Menschen kulturspezifisch die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse technisch organisieren, bewegt sich immer auch im Kontext vorherrschender religiöser und politischer Weltanschauungen. In China war während der Kulturrevolution (1966-1976) die ideologische Ausrichtung ein bestimmender Faktor in der Gestaltung aller Bereiche des alltäglichen Lebens.

In den Körpertechniken des Sich-Kleidens wird dieses Wechselspiel besonders deutlich. Die westliche Kleidungsforschung begriff und untersuchte Kleidung lange Zeit vorwiegend in ihrer Bedeutung als Symbolträger und Mittel visueller Kommunikation (Eicher & Roach-Higgins 1992:15).
Zwar wurde Kleidung in der Rhetorik der Kulturrevolution weitestgehend auf ihre Funktion als unabdingbares Mittel zur Befriedigung von Grundbedürfnissen reduziert. Gleichzeitig fand jedoch die Vermittlung revolutionärer Inhalte und Verhaltensvorbilder ebenso wie die Visualisierung von Zukunftsvisionen des technischen Fortschritts durch die bildliche Darstellung des bekleideten Körpers weiterhin statt. Kleidung wurde so zum Mittel des visuellen Ausdrucks sowohl gegenwärtiger revolutionärer Askese als auch zukünftigen Überflusses.
In diesem Spannungsfeld zwischen Kleidung als Ergänzung körperlicher Funktionen im Sinne einer Anpassung an die Umwelt (nach Nixdorff 2000:117) einerseits und Kleidung als Mittel gesellschaftlichen Regeln folgender visueller Kommunikation andererseits ist das Dissertationsvorhaben angesiedelt. Als technisches Artefakt ist Kleidung Träger von Bedeutungszuschreibungen, durch ihre unmittelbare Körpernähe jedoch gleichzeitig Teil der originalen Struktur des Eigenleibes. Das Dissertationsvorhaben betrachtet die Kleidung der Kulturrevolution in ihrer daraus resultierenden Mittlerfunktion zwischen Individuum, Umwelt und Technik (vgl. Strieder 2003:187).
Vor dem Hintergrund der technischen Entwicklung der Textilproduktion während der 1960er und 1970er Jahre untersucht die Arbeit anhand der Analyse von Schnittkonstruktionen und Schichtungen von Kleidung die Rolle textiler Materialien in der sinnlichen Erfahrung kulturrevolutionären Alltags. Eine Untersuchung bildlicher Darstellungen des bekleideten Körpers in Propagandamaterialien und von Kleidungsmetaphern in der Rhetorik der Kulturrevolution beleuchtet Techniken der Vermittlung und Aneignung ideologischer Inhalte.

Literaturhinweise:

Eicher, Joanne B. & Roach-Higgins, Mary Ellen: Definiton and Classification of Dress. Implications for Analysis of Gender Roles. In: Barnes, Ruth & Eicher, Joanne B. [Eds.]: Dress and Gender: Making and Meaning in Cultural Contexts. New York [u.a.]: Berg 1992, S. 8-28.

Nixdorff, Heide: Kleidung. In: Streck, Bernhard [Hg.]: Wörterbuch der Ethnologie. 2. und erweiterte Auflage. Wuppertal: Edition Trickster im Peter Hammer Verlag 2000, S. 117-120.

Strieder, Andrea: Kunstseidene Welten. Die Erfahrung textiler Materialität im Kontext der 20er und 50er Jahre. In: Bewegung - Sprache - Materialität. Kulturelle Manifestationen des Textilen. [Textil - Körper - Mode. Dortmunder Reihe zu kulturanthropologischen Studien des Textilen. Herausgegeben von Gabriele Mentges und Heide Nixdorff. Band 4]. Bamberg: Edition Ebersbach 2003, S. 185-254.

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Die Aneignung des Radfahrens in China um die Jahrhundertwende

Lupe

Dissertationsprojekt von Amir Moghaddass Esfehani

In der fahrradhistorischen Forschung ist China – mit heute ca. 500 Mio. Radfahrern die größte Fahrradnation der Welt – aufgrund der sprachlich schwer zugänglichen Quellen ein stark unterrepräsentiertes Feld. Unsere Kenntnisse zu allen Aspekten des Fahrrads in China sind spärlich oder ungesichert. Das Dissertationsprojekt „Fahrradfahren in China um die Jahrhundertwende“ erschließt zentrale Aspekte der kulturellen Aneignung des Fahrrads und Radfahrens. Die Untersuchung widmet sich den Jahren 1880 bis 1920, einem Zeitraum, in dem das Radfahren in China noch weitestgehend als eine „fremde“, westliche Modernität und Urbanität ausdrückende Technik der Fortbewegung aufgefasst wurde. Chinesischsprachige Quellen, vor allem Zeitschriftenbeiträge über das Verkehrsgeschehen, über soziale und medizinisch-körperliche Aspekte des Radfahrens stellen das wichtigste Forschungsmaterial. Darüber hinaus werden chinesische Archivalien zur Verkehrs- und Unternehmensgeschichte erschlossen.
Mit dem Forschungsvorhaben werden erstmals zentrale Aspekte der kulturellen Aneignung des Fahrrads und Radfahrens erschlossen, die auf Parallelen aber auch Unterschiede zur Entwicklung in Westeuropa, in den USA aber auch dem asiatischen Nachbarland Japan überprüft werden können.
Dabei werden zunächst die Etappen nachgezeichnet, entlang derer sich das Fahrrad vom Freizeit- und Prestigeobjekt einiger weniger hin zum alltäglichen Verkehrsmittel entwickelte. Aus kulturgeschichtlicher Perspektive wird auf dieser Grundlage die Frage verfolgt, auf welche Anknüpfungspunkte oder Anfangswiderstände das Fahrrad speziell in der chinesischen Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts traf. Es geht dabei zum einen um die kulturspezifischen Hindernisse (in der Bewegungs- und Mobilitätskultur, im öffentlichen Freizeitverhalten), gegen die sich das Fahrrad als nicht nur technisch neues sondern auch originär westliches Artefakt durchsetzen musste. Zum anderen muss gerade in China das Fahrrad als ein Vehikel der Modernisierung und der Emanzipation gesehen werden, mit dem schicht- und geschlechterspezifische Tabus aufgebrochen und westlich-moderne Lebensart öffentlich demonstriert wurden.

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Ein Jahrhundert Licht im Alltag. Eine technikethnologische Fallstudie zur Beleuchtung im ländlichen Nordchina

Lupe

Dissertationsprojekt von Wu Xiujie [Promotion abgeschlossen 2007]

Ziel des Forschungsvorhabens ist eine umfassende Ethnographie zum technischen Wandel im Bereich Beleuchtung im Alltag sowie deren kulturelle und soziale Auswirkungen auf die Menschen. Die zentrale Fragestellung gilt der Wechselwirkung zwischen biologischer Veranlagung der Menschen, den durch neue Techniken geschaffenen Freiräumen und Möglichkeiten sowie den durch die neuen Techniken entstandenen oder veränderten kulturellen Wertschätzungen. Anders als in der herkömmlichen Ethnographie, die mit gesellschaftlichen Strukturen, Regeln und Normativen arbeitet, sollen in dieser Arbeit individuelle Erfahrungen und Lebenssituationen der Sozialgruppe Frauen und Kinder besonders berücksichtigt werden. Beleuchtungstechniken prägten das Alltagsleben der Frauen besonders stark, weil die Hausfrauen bis Mitte der 70er Jahre im bäuerlichen Milieu Chinas gefordert waren, durch Handarbeiten wie Spinnen, Weben und Nähen die Familienangehörigen mit Kleidung und Schuhen zu versorgen. Durch die Verbreitung des elektrischen Lichts seit Anfang der 70er Jahre und das Eindringen von Industrieprodukten verloren die Frauen die Kontrolle über die Verfügbarkeit der Lampen und somit auch ihre Rolle als geselliger Mittelpunkt dunkler Abendstunden. Die Zwangsgemeinschaften der Frauen, bestimmt vom Gebot der Sparsamkeit und also der gemeinsamen Nutzung der Lampen, wurden dadurch aufgelöst. Damit gingen auch spezifische Kommunikationsformen zwischen Frauen verloren. Kinder sind in anderer Weise von den neuen Beleuchtungstechniken betroffen. Neue Ansprüche und Verhaltensmuster sind zu erkennen, das Lernen unter der Lampe wird nicht mehr wegen der Ölverschwendung unterbunden, sondern als Zeichen von Tugend und Fleiß gefördert. Ich möchte in meiner Arbeit zeigen, dass die neuen Beleuchtungstechniken zwar die Entstehung und Entfaltung neuer zeitlicher und räumlicher Wahrnehmung und schließlich einer neuen zirkadianen Rhythmik förderten, allerdings mit unterschiedlichen sozialen und kulturellen Auswirkungen in unterschiedlichen Sozialgruppen.

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