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TU Berlin

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Tagung des Euro-Asian Network for the Study of Everyday Technologies

Die Hand in den Alltagstechniken

Berlin-Wannsee, 15.-17. Mai 2003, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Die Art und Weise, in der Menschen in allen Kulturen ihre Grundbedürfnisse befriedigen und ihren Alltag bewältigen, ist nicht immer eine Frage technisch-materieller Zwänge. Vielmehr sind Alltagstechniken in besonderer Weise Ausdruck konkreter gesellschaftlich-wirtschaftlicher Bedingungen, sozial-technischer Systeme und nicht zuletzt kulturellen Eigensinns. Im Mai tagten in Berlin Wissenschaftler/innen des Euro-Asian Network for the Study of Everyday Technologies zum Thema „Die Hand in den Alltagstechniken“ in Asien und Europa.

Das Euro-Asian Network for the Study of Everyday Technologies EANSET wurde im September 2001 in Potsdam von internationalen Vertreter/innen der Technikanthropologie, der Agronomie, Geschichte und Mediävistik, Ethnologie, Technik- und Wirtschaftsgeschichte, der Ingenieurwissen-schaften und der Sinologie gegründet (vgl. ASIEN [Hamburg] 82, 2002.1, 88-89). Es war das erklärte Ziel der Gründer, die informelle Zusammenarbeit von europäischen und asiatischen Wissenschaftlern auf diesem Gebiet zu fördern und damit gemeinsame Wege der Information wie auch der kulturvergleichenden Forschung zu erschließen. Ein weiterer Anlaß für den Zusammenschluß im EANSET war die Überzeugung, daß es für die Technikanthropologie langfristig unerläßlich sein wird, auf eine Systematik hinzuarbeiten, mit Hilfe derer vergleichbare Techniken erkannt und beschrieben werden können. In Abständen von ein bis zwei Jahren sind nun Fachkonferenzen geplant. Ein Beschluß des ersten Treffens des EANSET in Potsdam war, das Thema Körpertechniken (im klassischen Sinne von Marcel Mauss) näher zu untersuchen. Ein erster Schritt in diese Richtung war die Fachkonferenz zur Hand in den Alltagstechniken.

Der Hand kommt als dem wichtigsten Arbeits- und Kommunikationswerkzeug des Menschen die zentrale Rolle in den Körpertechniken zu. Sie ist Mittler zwischen Material, Artefakt und Kultur. Die Hand ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen und infolge-dessen steht uns heute eine höchst umfangreiche Fachliteratur zur Verfügung. Mareile Flitsch, Rudolf Pfister und Françoise Sabban erarbeiteten für diese Konferenz eine etwa 40-seitige Bibliographie und einen Überblick über den Stand der Forschung, über Forschergruppen, die sich der Handforschung verschrieben haben, bis hin zu Hand-Museen. Eine erste Auswertung der zusammengetragenen Literatur ergab, daß die meisten sozial- und geisteswissenschaftlich orientierten Untersuchungen den kulturellen Zeichen-Funktionen der Hand gewidmet sind.

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Für die Forscher/innen des EANSET ist die Beschäftigung mit den technisch-materiellen Grundlagen, mit der technischen Bewältigung des Alltags der Ausgangspunkt ihrer Forschung. Viele der Wissenschaftler/innen der EANSET erhielten ihre Ausbildung in Großbritannien und in Frankreich und verstehen sich im weitesten Sinne der Tradition von Joseph Needham bzw. von der französischen Technikanthropologie und Alltagshistoriographie der Annales-Schule ver-bunden. Die Themen der Hand in der technischen Bewältigung des Alltags, der Hand als Werk-zeug und der Werkzeuge für die Hand standen bislang – außer vielleicht in der Handchirurgie, in der Gestenforschung und in der Mensch-Maschine-Forschung – selten im Zentrum des Interesses.

Die Wissenschaftler/innen des EANSET richteten anläßlich dieser Konferenz ihr Hauptaugenmerk auf die Hand als Werkzeug, und dies aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Sigaut, Mertz, Sabban, Kawada und Flitsch erarbeiteten aus Technikdarstellungen bzw. aus der handwerklichen Praxis die Zusammenhänge von Hand, Bewegung und Herstellungsprozeß. Sie maßen die Quali-tät der Darstellung, aber auch die Qualität von Interpretationen an Beispielmustern der Verwendung der Hand als Werkzeug. Bray, Wagner, Schäfer und von Verschuer sind darauf spezialisiert, chinesische bzw. japanische historische technische Texte und Abbildungen zu entziffern bzw. zu übersetzen, zu interpretieren und in ihrem zeitgenössischen kulturellen Zusammenhang darzu-stellen. Die Schwierigkeit der Interpretation besteht häufig darin, daß die dargestellten Techniken, ihr unmittelbarer ethnographisch-technischer Kontext, aber auch die Motivationen ihrer Dar-stellung noch kaum erforscht bzw. im Detail bekannt sind. Die Debatte um die Interpretier-barkeit technischer Illustrationen aus China und Japan geht in der Chinaforschung auf Joseph Needham zurückgeht und hat zuletzt mit Arbeiten von Peter J. Golas (Denver) einen Höhepunkt erreichte. Insgesamt erwies sich die Fokussierung auf die Hand im Verlauf der Konferenz immer wieder als ausgesprochen vorteilhaft für die Interpretation von Artefakten, technischen Texten und Illustrationen.

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Lupe

FRANÇOIS SIGAUT (Conservatoire National des Arts et Metiers, Centre d'Histoire des Techniques in Paris) stellte in seinem Vortrag The Question of the Identification of Grasping Movements of the Hand die bislang gängigen Klassifikationen von Greifbewegungen der Hand (Napier, Landsmeer, Elliott und Connolly) in ihren methodischen und theoretischen Ansätzen vor, um sie anschließend auf ihren Aussagewert zu prüfen. Er führte mit zahlreichen Beispielen vor, daß alle bisherigen Klassifikationen den ethnographisch-technischen Kontext der Handbewegungen weit-gehend außer Acht ließen. Dabei zeigen bereits die wesentlichen Vorgänge des Greifens mit der Hand (Bewegung, Manipulation, Werfen, Formen, Werkzeuggebrauch, Berühren/Tasten, Zeichengeben), wie unabdingbar der ethnographisch-technische Kontext für eine Klassifikation allein der Greifgesten ist. In seiner Schlußfolgerung skizzierte François Sigaut Indikatoren für eine Systematik der Greifgesten. Dies führte er am Beispiel der Verbreitung von Erntemessern vor und erstaunte die anwesenden Sinologen und Technikhistoriker mit der Interpretation einer noch nicht datierten, in jedem Fall historischen Genre-Darstellung des Reiserntens in China.
Veranschaulicht sind darauf nicht etwa - wie das ungeschulte Auge beim ersten Betrachten vermuten würden - lediglich "drei Bauern bei der Feldarbeit". Vielmehr handelt es sich nach Sigaut um die sequenzielle Darstellung der einzelnen Schritte des Reiserntens mit einem bestimmten, um einen Haken verlängernen Erntemesser, und damit um eine - ethnographisch-technisch korrekt interpretiert - zutiefst technische Illustration. Das Bild zeigt (einen) Bauern in drei Arbeitsschritten.

In dem folgenden Beitrag mit dem Titel Für Hand und Fuß – A Linguist's Look at Everyday Tech-nologies schilderte BARBARA NIEDERER (CNRS, Centre de Recherches Linguistiques sur l’Asie Orientale (CRLAO), Paris ) ihre Erfahrungen mit lingustischer Feldforschung zu den Hmong-Miao-Sprachen Asiens. Niederer beklagt die vollkommene Unzulänglichkeit linguistischer Erhebungen gerade im Hinblick auf ethnographische Details, so auch auf die Hand in den Alltagstechniken der aufgenommenen Sprachen. Dieser Umstand hat zu einer erheblichen Fehlerquote in aufgenommenen Terminologien geführt. Vor allem angesichts des rapiden Verfalls traditioneller Techniken und des damit verbundenen Aussterbens der Fachterminologie, ist die Unzulänglichkeit linguistischer Erhebungen ein untragbarer Zustand. Am Schluß ihres Beitrags stand ein Aufruf, die Kompetenzen zu vereinigen und im Sinne komparativer Studien ein „polylingual access tool to everyday material culture“ zu erarbeiten.

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Die Alltagstechnikenforschung ist ein in jeder Hinsicht interdisziplinäres Fachgebiet. In seinem Gastvortrag From Artifact to Gesture: Hand Movements as a Basis of Culture bot ROLAND POSNER vom Zentrum für Semiotik der TU Berlin dem Tagungspublikum eine Einführung in die kultursemiotischen Studien seines Instituts, vor allem in die Hintergründe des Dekodierens emblematischer Gesten. Im Hinblick auf das besondere Interesse der Tagungsteilnehmer an dem Thema „die Hand als Werkzeug“ wies Roland Posner darauf hin, daß wenigstens die Hälfte der emblematischen Gesten artefaktbezogen sind und daß die Hälfte davon direkt auf Artefakte rekurrieren. Wie, so fragte er im weiteren Verlauf seines Beitrags, hängen Gesten und Artefakte zusammen und was sagt dies über das metaphorische Denken in einer Kultur aus?

FRANCESCA BRAY (University of California, Dep. of Anthropology, Santa Barbara) thematisierte in ihrem Beitrag das Problem der „invisibility of the hand“. Den Autoren von historischen technischen Texten und den Herstellern historischer technischer Zeichnungen ging es kaum je darum, genauer auf die Hand – eine Selbstverständlichkeit im technischen Prozeß – einzugehen. Bray verfolgte in ihrem Vortrag verschiedene Möglichkeiten, die Hand in historischen Texten dennoch „sichtbar“ zu machen. In dem gleichen Sinne wie Sigaut insistierte sie, daß die Interpretation historischer technischer Illustrationen von besonderer Bedeutung für die Alltagstechnikenforschung ist.

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Der reich illustrierte Beitrag Chinese (especially Han) Technology of the Hand in Comparison with Japanese and European Technology of the Hand von JUNZO KAWADA (Institute for the Study of Japanese Folk Culture, Kanagawa University, Yokohama) betonte die Notwendigkeit, im Fall der Verwendung ähnlicher, möglicherweise aus einer anderen Kultur übernommener Geräte und Werkzeuge auf Detailveränderungen in ihrem Gebrauch im Alltag zu schauen. Er führte dies am Beispiel aus China nach Japan übernommener Handwerksgeräte und der Handbewegungen, mit denen diese Geräte verwendet werden, vor. Die Rahmensäge etwa erfuhr im Zuge der Übernahme aus China in Japan in ihrem Gebrauch entscheidende Veränderungen, nämlich einen Wechsel vom Schieben (in China) zum Ziehen (in Japan). Gleiches galt für den Hobel. Ebenso wurde die Drehrichtung der Töpferscheibe von im Uhrzeigersinn (in China) in einen Drehen gegen den Uhrzeigersinn (in Japan) verändert. Kawada befaßte sich im Verlauf seines Beitrags mit den möglichen Ursachen für diesen Wandel und spürte in Bauformen und in der populären Kunst in Japan ähnlichen Mustern bzw. möglichen Erklärungen nach.

MAREILE FLITSCH (TU Berlin, Projekt Alltagstechniken Chinas) zeichnete in ihrem Beitrag Manual Skill Training through Playing. On Chinese Children’s Acquisition of Cultural Techniques nach, auf welche Weise in China bereits im frühkindlichen Alter im Spiel für den späteren Alltag relevante Techniken trainiert werden. Dies zeigte sie am Beispiel des Handknetens von Lehm im Spiel und in der späteren Verarbeitung von Lehm zu Stampflehmmauern oder Adobeziegeln im bäuerlichen Nordchina. Die frühe technische Konditionierung von Kindern für ihren späteren Alltag wurde in der Forschung bislang weitgehend vernachlässigt.

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Mit Spannung verfolgten die Tagunsgteilnehmer/innen den Beitrag A Brief History of Dough Kneading in China von FRANÇOISE SABBAN (Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, Centre Chine, Paris). Als Ernährungsanthropologin und Historikerin bot sie vor dem Hintergrund des derzeitigen Wissensstandes um Teigwaren in China einen Überblick über die Entwicklung der Rolle der Hand in der Teigbearbeitung und in den Herstellungsprozessen. In der chinesischen Küche ist - im Gegensatz zu Italien - die maschinelle Herstellung von Nudeln ein sehr rezentes Phänomen, sind haltbare Trockennudeln aus Hartweizen noch gar kein Thema. Die chinesische Nudelnküche ist essentiell eine Kultur frischer Teigwaren, in der die Hand das wesentliche Werkzeug, der Einsatz der Hand eine Körpertechnik ersten Ranges war und ist.

CHARLOTTE VON VERSCHUER (CNRS, Paris) führte mit ihrem Beitrag Using the Hand as the only Tool: Rice Drying Techniques in Ancient Japan die Debatte um die Möglichkeiten der Interpretation historischer Texte und vor allem sie illustrierender Abbildungen weiter. Sie stellte klassische japanische Texte und Abbildungen zu Techniken des Reistrocknens von Hand vor und zeichnete vor allem die Schwierigkeiten der Korrelation von Text und Illustration nach. Die Hand, so Verschuer in ihrem Schlußwort, erschien den Autoren und Zeichnern möglicherweise als zu selbstverständlich, als nicht wichtig genug für einen bestimmten Prozeß, um überhaupt beschrieben oder realitätsgetreu dargestellt zu werden. Die Tatsache, daß die Hand implizit in den Verben des Gebrauchs enthalten ist, macht die Lektüre und Übersetzung der Texte nicht einfacher.

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Die gelernte Schreinerin, Holzrestauratorin, Japanologin und Kunsthistorikerin MECHTILD MERTZ (derzeit Muséum National d'Histoire Naturelle, Paris) faszinierte mit einem ethno-graphisch und technisch detaillierten Beitrag zu The Hand in Traditional Japanese Woodworking. Neben Techniken des Abschälens von Baumrinde, der Bearbeitung von Holz mit der Hand sowie den Hand-Werkzeugen stellte sie auch die Besonderheit des gemeinsamen Gebrauchs von Füßen und Händen in der Holzbearbeitung in Japan vor. François Sigaut regte im Anschluß an den Vortrag einen Vergleich dieser beeindruckenden Technik mit vergleichbaren Techniken ägyptischer Schreiner an.

DONALD B. WAGNER (Nordic Institute of Asian Studies, Kopenhagen) nahm in seinem Beitrag Some Chinese Illustrations of Iron Work, with Examples from Various Periods from Han to Early 20th Century die Frage der Interpretationsmöglichkeiten von technischen Illustrationen wieder auf. Insbesondere anhand von zahlreichen im 19. Jahrhundert für ausländische Auftraggeber in China angefertigen Illustrationen der Arbeit von Schmieden und Bergleuten zeigte er, wie wichtig es ist, auch augenscheinlich sehr volkstümliche oder klischeehafte Abbildungen eingehend zu prüfen. Anhand der Darstellung der Rolle der Hand in der Metallverarbeitung wies er nach, daß die Zeichner mit Details in einer Weise vertraut gewesen sei müssen, die sich dem westlichen Betrachter erst erschließt, wenn alle Einzelheiten unter die Lupe genommen werden. Wir wissen, so ein Fazit von Wagner, zu wenig über die dargestellten Techniken als daß wir die Zeichnungen schon beurteilen könnten.

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Mit der Hand in technischen Zeichnungen befaßte sich ebenfalls DAGMAR SCHÄFER (Institut für Sinologie der Universität Würzburg) in ihrem Beitrag On the Representation of the Hand in Tiangong kaiwu Illustrations. Als Spezialistin für das Tiangong kaiwu („Himmel, Arbeit und die Eröffnung der Dinge“), einer Monographie aus der Zeit des Niedergangs der Ming-Dynastie , stellte sie das Verhältnis von Text und Illustration vor. Sie kam unter anderem zu dem Schluß, daß Text und Illustrationen im Tiangong kaiwu getrennt zu verstehen sind. Im Text ist technisches Können beschrieben, während die Illustrationen eine Visualisierung der Welt der Handarbeit darstellen. Für die Illustration war, so Schäfer, eine persönliche Erfahrung mit dem Dargestellten mehr oder weniger unerheblich. Und vor allem ging es in keiner Darstellung in erster Linie um die Hand.

Am Ende der Konferenz unterstrich INGO NENTWIG (Kustos Ostasien am Museum für Völkerkunde zu Leipzig) mit seinem Beitrag The Lady’s Handbag and the Free Hand: Karl Weule (1864-1926) and his Researches on Everyday Technologies die Tatsache, daß die heutige Technikanthropologie auf einen Fundus an äußerst wertvollen Vorarbeiten früher Technographen und Ethnologen zurückgreifen kann. Anschaulich stellte Nentwig Leben und Werk des Ethnologen Karl Weule vor, der in seiner Ethnographie der Techniken der Völker immer wieder – und auf recht humorvolle Weise – auch den technischen Alltag in den europäischen Zivilisationen des beginnenden 20. Jhs. skizzierte.

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In einer Abschlußdiskussion mit dem Titel The Hand in Everyday Technologies: A Starting Point towards a Systematics of Everyday Technologies, a Tool for Comparative Research wurde eine erste Bilanz der Konferenz gezogen. Alle Teilnehmer waren sich einig, daß eine Fortführung der Konferenzreihe im Hinblick auf eine Systematik der Alltagstechniken ausgesprochen wünschenswert ist, und daß der nächste Schritt die Beschäftigung mit der Hand im Kontext sein muß. Daher wird die nächste Konferenz im Juli 2004 den Titel The Body at Work: Tools, Materials and Methods tragen.

Die zweite Tagung des Euro-Asian Network for the Study of Everyday Technologies wurde finanziell großzügig von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und von der Arbeitsgruppe „Alltagstechniken Chinas“ durchgeführt. Als Veranstaltungsort erwies sich das Wannsee Forum in Berlin als ideale Tagungsstätte. (M.F.)

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