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TU Berlin

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XXII. Jahrestagung der DVCS

Kontinuität und Umbruch in Chinas Geschichte und Gegenwart

Carsten Storm (Technische Universität Dresden):

Umbruch und Kontinuität in der Konstruktion chinesischer Identität – Kollektives Handeln, Konfuzianismus und die vernachlässigte Tradition (Abstract)

Angesichts der rasanten wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung in China stellt sich die Frage nach Formen des Umgangs mit, resp. der Verarbeitung von Veränderung. Insbesondere im Bereich identitätsbildender Prozesse wird sowohl seitens chinesischer Forscher als auch von sinologischer Seite oftmals Zuflucht in der Konstruktion einer chinesischen Mentalität oder Essenz gesucht. Identität wird dabei im Rückgriff auf philosophische kanonische Texte des (vornehmlich) frühen Konfuzianismus extrapoliert. Gegenwärtige Umbrüche in der chinesischen Identität werden so teils kontrastiert, teils überführt in eine Vorstellung einer nicht-temporalen anthropologischen Konstanz. Kritisch sind hierbei besonders der Bezug zwischen Text und weltlichem Handeln sowie zwischen ethischer Idealität und praktischer Realität. Andere mögliche Referenzsysteme bleiben demgegenüber weitgehend unbeachtet; neben daoistischen und buddhistischen Traditionen sind dies vor allem Elemente der Alltags- oder Mentalitätsgeschichte, sowie Entwicklungen der neueren Geschichte. Die beiden Letzteren könnten im Sinne kollektiver Gedächtnis – und Erinnerungskulturen alternative Zugänge eröffnen, scheinen aber kaum valide Elemente der Identitätssetzung zu sein.

Am Beispiel der Debatte um kollektives Handeln 集体行动 in einem chinesischen Umfeld soll im Beitrag exemplarisch die Methodik und das Verfahren einer Rekonstruktion chinesischer Identität kritisch beleuchtet werden. Dabei stehen folgende Fragen im Zentrum: Wie belastbar sind Verweise auf konfuzianische Elemente (仁, 五伦) oder anthropologische Konstanten (关系, 面) zur Grundlegung eines chinesischen Zugangs zur Kollektivität? Welche alternativen Zugänge zum Phänomen des kollektiven Handelns wären möglich (karitative Organisationen, Gilden)? Wie sind die Debatte und ihre Ausformungen zu bewerten hinsichtlich der Strategien postmoderner und postkolonialer (kollektiver) Identitätsfindung?