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TU Berlin

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XXII. Jahrestagung der DVCS

Kontinuität und Umbruch in Chinas Geschichte und Gegenwart

Fabian Heubel (Academia Sinica):

Gebrochene Kontinuität: Selbstkultivierung und Demokratie im zeitgenössischen Konfuzianismus (Abstract)

Im chinesischsprachigen Denken des 20.Jahrhunderts ist es vor allem der zeitgenössische Konfuzianismus, der seit Jahrzehnten mit dem Problem ringt, wie das für konfuzianische Gelehrsamkeit grundlegende Motive von „Selbstkultivierung“ (自我修養、修身) oder „moralischer Kultivierung“ (道德修養) unter den äußerst ungünstigen Bedingungen der chinesischen Modernisierung gerettet werden kann. Das zu den klassischen Vier Büchern des Konfuzianismus gehörende Große Lernen (Daxue 大學) stellt Selbstkultivierung in den großen soziopolitischen Zusammenhang des Verhältnisses von Individuum, Familie, Reich und Welt. Xiong Shili (1886-1968) etwa, einer der Gründerfiguren des philosophischen Konfuzianismus im 20.Jahrhundert, besteht in seiner Interpretation des Großen Lernen aus den 1940er Jahren mit großer Emphase auf der ungebrochenen Bedeutung des konfuzianischen Kultivierungsmodells, betont allerdings, daß der Text gegen den Strich einer traditionalistischen Lektüre zu bürsten sei. Er stellt dementsprechend das demokratische Potential von Selbstkultivierung in den Vordergrund. Obwohl Xiong zugibt, daß das traditionelle Kultivierungsmodell des Regierens im modernen China in eine schwerwiegende Krise geraten ist, denkt er die Integration der im historischen China fehlenden demokratischen Politik gleichwohl weitgehend als bruchlose Ausweitung des traditionellen Modells.

Sein Schüler Mou Zongsan (1909-1995) geht darüber entschieden hinaus. In Der Weg der Politik und der Weg des Regierens (政道與治道) von 1961 verwirft er die Möglichkeit eines bruchlosen Anschlusses an das politische Denken des traditionellen China und spricht statt dessen von einer „Selbstnegation“ (自我坎陷) sowie der Unmöglichkeit eines direkten Bezugs (直通) und der Notwendigkeit eines gebrochenen Bezug (曲通) zum konfuzianischen Weg des Regierens, um China für eine demokratische Politik philosophisch vorzubereiten.

Mein Beitrag wird zunächst versuchen, Aspekte der politischen Philosophie des zeitgenössischen Konfuzianismus aus der Perspektive des Verhältnisses von Kontinuität und Bruch zu beleuchten, um schließlich, durch Mous Unterscheidung von einem Weg der Politik und einem Weg des Regierens hindurch, einen Blick auf eine für die Diskussion um das Verhältnis von Subjektivität und Demokratie wichtige europäische Debatte zu werfen und zwar diejenige zwischen Michel Foucault und Jürgen Habermas.