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TU Berlin

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XXII. Jahrestagung der DVCS

Kontinuität und Umbruch in Chinas Geschichte und Gegenwart

Hauke Neddermann (FU Berlin):

Neues China – Neues Xinjiang: Revolution in der zentralasiatischen Grenzregion (Abstract)

An der Grenze der jungen Volksrepublik China werden Kontinuität und Umbruch als Dimensionen historischer Prozesse in besonderer Weise sichtbar: Mit der "friedlichen Befreiung" im Jahr 1949 wird Xinjiang zum Schauplatz eines gross angelegten Projekts des Aufbaus, der Erschließung und der Integration in den sozialistischen/chinesischen Staat. Ein zentraler Aspekt der Strategie ist die massenhafte Ansiedlung von (Han-)Chinesen in der traditionell nicht-Han-chinesischen Grenzregion; zu Hunderttausenden besiedeln sie ab 1954 das neu gegründete Xinjiang Produktions- und Aufbaukorps (XJ PAK). Das XJ PAK wurde während der 1950er Jahre zum wichtigsten Transmissionsriemen der Pekinger Zentrale in Xinjiang. Direktiven des sozialistischen Staates wurden durch das XJ PAK an die regionalen Verhältnisse im Grenzgebiet angepasst und in die so spezifizierte revolutionäre Praxis übersetzt: Xinjiang wurde einer systematischen Transformation unterworfen, zum erklärten Ziel wurde die zügig nachholende sozioökonomische Entwicklung in der offiziell als "rückständig" bezeichneten Region. Der Wandel bis zum Ende des Jahrzehnts war erheblich. Gleichzeitig knüpften die zeitgenössischen xinjiangbezogenen Diskurse an wirkmächtige Interpretationslinien an. Traditionelle Perspektiven werden aufgegriffen und aktualisiert. So stellt z.B. das XJ PAK selbst – in seinem Auftrag wie in seiner Struktur – eine aktualisierte und an die Verhältnisse des sozialistischen Staates angepasste Variante von "tunken"-Regimen der Kaiserzeit dar. Auch im Blick auf Xinjiang als zu erschließendes, de facto "leeres" Land spiegeln sich – leicht modifiziert – traditionelle Perspektiven auf die "Westgebiete". Das Spannungsfeld aus radikalem Wandel und Kontinuitäten findet auf der Ebene der Siedlerbevölkerung seine Fortsetzung: Einerseits identifizieren sich die Mitglieder des XJ PAK selbst als Avantgarde der chinesischen Revolution, werden in der parteistaatlichen Presse als Pioniere, "Grenzhelden" und Prototypen des sozialistischen Neuen Menschen glorifiziert. Andererseits entzieht sich ausgerechnet die Gruppe der Siedler auf vielen Ebenen selbst dem proklamierten Menschenbild der chinesischen Revolution, so im Bezug auf die Minderheitenbevölkerung und auf das Frauen- und Familienbild.