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TU Berlin

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XXII. Jahrestagung der DVCS

Kontinuität und Umbruch in Chinas Geschichte und Gegenwart

Izabella Goikhmann & Barbara Herrmann (FU Berlin):

Ernährungssicherheit als Staatsaufgabe: von der späten Qing-Zeit zur Guomindang (Abstract)

In der späten Qing-Zeit und in den Anfangsjahren der Republik China wurde die Ernährungssicherheit durch gemeinsame Initiativen von Lokaleliten in Zusammenarbeit mit anderen, auch ausländischen, Akteuren organisiert. Auf der praktischen Ebene ist einerseits bis in die 1920er Jahre eine Kontinuität zur Kaiserzeit zu beobachten. An der Gewährleistung der Ernährung waren die gleichen Akteure – u.a Händler, Wohlfahrtsgesellschaften und Auslandschinesen – beteiligt wie im vorgegangenen Jahrzehnten: Zum Einen verfügten sie über praktisches Know-how, zum Anderen über verlässliche Netzwerke und materielle Ressourcen. Andererseits stellt die Gründung der Regierung der Einheitsfront im Jahr 1923 in Guangdong einen partiellen Umbruch dar und zwar in zweierlei Hinsicht: Der erste Umbruch ist in der Veränderung der Führungspositionen zu sehen: Nach 1923 trat die Guomindang als Organisator der Hungerhilfe auf, wodurch sie sich den Ruf einer legitimen und kompetenten Macht verschaffte. Ein weiterer Umbruch betraf die Auffassung von Ernährungssicherheitsproblemen: Waren in den 1910er Jahren punktuelle Hilfeleistungen beim Auftreten von Nahrungsengpässen der Regelfall, fand seit Anfang der 1920er Jahre angestoßen durch ausländische Akteure, v.a. Missionare, ein Umdenken statt. Die Ernährungssicherheit wurde nun als eine der wichtigsten Staatsaufgaben begriffen: Ad hoc Initiativen sollten durch langfristige Veränderungen von Infrastruktur und neue landwirtschaftliche Programme ersetzt werden. Diese Überlegungen waren grundlegend für die Reformen, die während der Nanjing-Dekade folgten.

Das Ziel dieses Vortrags ist, eben diese Kontinuitäten und Brüche am Beispiel der Provinz Guangdong aufzuzeigen. Die Provinz Guangdong gehört nicht zu den Provinzen Chinas, die oft von verheerenden Hungersnöten betroffen waren. Trotz des fruchtbaren Bodens war Guangdong jedoch seit der Ming-Dynastie Jahr für Jahr auf externe Reislieferungen angewiesen. Gerade die Regelmäßigkeit, in der die Nahrungsengpässe vorkamen, erlaubt es, die Kontinuitäten und Brüche in der Gewährleistung von Ernährung zu untersuchen.