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TU Berlin

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XXII. Jahrestagung der DVCS

Kontinuität und Umbruch in Chinas Geschichte und Gegenwart

Jonas Polfuß (Westfälische-Wilhelms-Universität Münster):

Deshalb vom Vorteil sprechen: Zur Diskussion „nützlicher Beziehungen“ in der Tang-Zeit (Abstract)

Im Lunyu 論語 erklärt Konfuzius, der Edle verstehe sich auf die Rechtlichkeit, der Gemeine auf die eigenen Vorteile (君子喻於義,小人喻於利). Gleich zu Beginn des Mengzi 孟子 weist Menzius darauf hin, dass der Fürst bei der Staatsführung nicht das Streben nach Vorteil (li 利) in den Mittelpunkt stellen solle. Stattdessen müsse er als gutes Vorbild für das menschliche Miteinander in allen gesellschaftlichen Schichten voranschreiten, indem er Mitmenschlichkeit (ren 仁) und Rechtlichkeit (yi 義) hervorhebe. Nur damit sei zu vermeiden, dass der einzelne danach frage, wie er sich selbst bevorteilen könne (何以利吾身?) und das Reich in Gefahr gerate. Das in der Realität freilich impraktikable Ideal des gänzlich selbstlosen Handelns wurde für die Gelehrten der Kaiserzeit eine zentrale Tugendvorstellung, die es zumindest nach außen hin hochzuhalten galt. Gerade in Bezug auf freundschaftliche Beziehungen wurde zugleich auch immer wieder beklagt, dass zu viele ausschließlich dem eigenen Vorteil nachjagen würden.

Durch das Prüfungswesen der Zeit begünstigt, entwickelte sich in der Empfehlungskultur der Tang-Dynastie (618-907) die Tendenz, Vorteilsstreben und Tugendpflege argumentativ zu verbinden. Um mögliche Förderer vom eigenen Talent zu überzeugen, hatten aufstrebende Gelehrte den Drahtseilakt zu meistern, Vorteile für sich und für den potentiellen Helfer zu formulieren, ohne dabei einem blanken Opportunismus das Wort zu reden. Die Gattung der Bewerbungsschreiben stellt eine der wichtigsten Materialgrundlagen dar, um dieses Phänomen zu erfassen. In den Briefen werden mitunter ganz offen nützliche Beziehungen angepriesen und fördernde Freunde und Gönner als bloßes Mittel zum Zweck beschrieben. Trotz einiger Beiträge zu Empfehlungen in den Gelehrtenkreisen der Tang-Zeit wartet die Kunst des Bewerbungsschreibens mitsamt ihren ausgeklügelten Argumentationstechniken noch auf eingehendere Untersuchungen.

Im Vortrag wird auf Grundlage von in der sinologischen Forschung noch unbehandelten Briefpassagen der Frage nachgegangen, wann und mit welchen Überlegungen Gelehrte der Tang-Zeit eigenes und fremdes Vorteilsstreben für legitim erklärten.