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TU Berlin

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XXII. Jahrestagung der DVCS

Kontinuität und Umbruch in Chinas Geschichte und Gegenwart

Michael Höckelmann (Westfälische-Wilhelms-Universität Münster):

Das ‚lange‘ neunte Jahrhundert? Religionsgeschichtliche Umbrüche zwischen An-Lushan-Aufstand (755–763) und Ende der Tang (907) (Abstract)

Der An-Lushan-Aufstand gilt gemeinhin als Wasserscheide, nicht bloß in der langen Herrschaft der Tang-Dynastie (618–907), sondern auch im Kontext der gesamten, an Umbrüchen nicht armen Geschichte Chinas. Sie beendete die militärische Dominanz Chinas über Nord- und Zentralasien und leitete den „chronischen Militarismus“ der seitdem weitgehend autonomen Militärgouverneure ein. Mit ihr fand das „kosmopolitische“ China ein Ende und setzten dessen „Wendung nach Innen“, die „Tang-Song-Transition“ und, in Gestalt der guwen-Bewegung, die Entfaltung des Neo-Konfuzianismus ein.

Mitten in das ‚lange‘ 9. Jahrhundert von 755 bis 907 fällt eines der einschneidendsten Ereignisse in der Religionsgeschichte Ostasiens: Die Proskription des buddhistischen Ordens (Sangha) unter Kaiser Wuzong um 845. Diese ‚Stunde null‘ beendete durch die massenhafte Vernichtung buddhistischer Schriften mutmaßlich die Blüte der theoretischen Schulen des Buddhismus in China, und in der Folgezeit gediehen vor allem die weniger schriftzentrierten Strömungen des Reinen Landes und des Chan.

Über die Proskription sind wir hauptsächlich durch zeitgenössische Throneingaben und Edikte, sowie den Augenzeugenbericht des japanischen Pilgermönchs Ennin (793–864) in dessen Tagebuch informiert. Abgesehen von einem dürftigen Gerüst an Fakten lassen uns die Quellen des 9. Jahrhunderts über Gründe und Wirkungen der anschließenden Restitution unter Kaiser Xuānzong (846–859) noch mehr im Dunkeln.

Mein Vortrag zeichnet die Entwicklungen im Verhältnis von ‚Staat‘ und ‚Kirche‘ bzw. Sangha vom An-Lushan-Aufstand bis zum Ende der Tang im Spiegel der Forschung nach und unterzieht diese einer theoriegeleiteten Neubewertung. Dabei wird auch zu fragen sein, ob die Huichang-Proskription tatsächlich jene ‚Stunde null‘ darstellte oder nicht. Mein Hauptaugenmerk liegt auf den Verwaltungstechniken, mit deren Hilfe die Literaten-Bürokratie versuchte, Kontrolle über innere Belange des Sangha zu bekommen bzw. Verstöße gegen Konventionen und Gesetze zu ahnden.