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TU Berlin

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XXII. Jahrestagung der DVCS

Kontinuität und Umbruch in Chinas Geschichte und Gegenwart

Thomas Jülch (Westfälische-Wilhelms-Universität Münster):

Die Verlegung des Hauptsitzes der Shangqing-Schule vom Mao-Berg in die Tiantai-Berge (Abstract)

Der Vortrag beschäftigt sich mit einem der zentralen Umbrüche in der Geschichte des Shangqing-Daoismus. Ursprünglicher Hauptsitz der Shangqing-Schule war der Mao-Berg bei Nanjing. Sima Chengzhen (647-735), der zwölfte Shangqing-Patriarch, verlegte den Schulsitz vom Mao-Berg in die Tiantai-Berge. Die Tiantai-Berge waren eng mit der ideologischen Legitimation der Sui-Dynastie verbunden, die durch den buddhistischen Mönch Zhiyi formuliert worden war. Zhiyi hatte, als Zentralkloster seines Ordens, das Guoqing si (dt.: Reichsreinheitskloster) in den Tiantai-Bergen errichtet. Die nachfolgende Tang-Dynastie war bestrebt, die Tiantai-Berge zu einem Refugium umzudeuten, das eher mit der Shangqing-Schule in Verbindung gebracht wurde, von der die ideologische Legitimation der Tang-Herrschaft ausging. Als spirituelle Autorität konnte Sima Chengzhen jedoch nicht einräumen, dass er mit der Schulsitzverlegung politischen Interessen folgte, sondern war gezwungen, seine Entscheidung auf Grund der Shangqing-Programmatik zu rechtfertigen. Hierzu entwickelte er eine Ideologie um Wang Ziqiao, die zentrale Figur des Shangqing-Pantheons. Bereits im Zhen’gao, der grundlegenden Schrift des Shangqing-Ordens, wird Wang Ziqiao als Herrscher über ein Unsterblichenparadies auf dem Tongbo-Berg in den Tiantai-Bergen dargestellt. Sima Chengzhen baute diese Tradition aus, indem er eine Wang-Ziqiao-Hagiographie verfasste, in der die Bedeutung des Wang Ziqiao und seine Verbindung mit dem Tongbo-Berg besonders betont werden. Sima Chengzhens Nachfolger, Li Hanguang, verlegte den Sitz der Shangqing-Schule auf den Mao-Berg zurück. Der Tongbo-Berg blieb jedoch Hauptkultort der von Sima Chengzhen begründeten Shangqing-Linie. Im 9. Jh. zogen mit Xu Lingfu, Chen Guayan und Feng Weiliang drei Anhänger der Linie des Sima Chengzhen in die Tiantai-Berge, um hier die Tradition des Sima Chengzhen zu reinitialisieren. Xu Lingfu verfasste das Tiantai shan ji (dt.: Aufzeichnungen über die Tiantai-Berge), worin er das Gebirge als heiliges Refugium des Sima Chengzhen und des Wang Ziqiao darstellt. In den nachfolgenden Dynastien entstanden diverse weitere Texte, die sich dieser Tradition anschließen. In der Ming-Zeit wurden diese, durch einen unbekannten Kompilator, zu einem Werk mit dem Titel Tiantai shan zhi (dt.: Abhandlung bezüglich der Tiantai-Berge) zusammengefasst.

Die im Vortrag einführend vorgestellte Thematik ist auch Gegenstand meines neuen Buches, das voraussichtlich im August 2011 erscheinen wird: Der Orden des Sima Chengzhen und des Wang Ziqiao – Untersuchungen zur Geschichte des Shangqing-Daoismus in den Tiantai-Bergen. München: Utz, 2011