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Jiagu Richter: Chinesische „Kulturreisen“ nach Wien - eine Art der Kulturdiplomatie?

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Jiagu Richter

Chinesische „Kulturreisen“ nach Wien - eine Art der Kulturdiplomatie?

Seit das China National Orchestra 1998 das erste chinesische Neujahrs­konzert in der Goldenen Halle des Wiener Musikvereins veranstaltet hat, ist der Veranstaltungsort zu einem „Sacred Music Palace“ für Chinesen ge­worden. Danach reisten nicht nur renommierte Künstler, sondern immer wieder auch zahlreiche Amateurgruppen aus China nach Österreich, um in der Halle Musik- und Folkloreveranstaltungen anzubieten. Um auf dieser Bühne zu erscheinen, zahlten sie jedes Mal 20.000 - 30.000 Euro Miete.

Die Begeisterung dauerte mehr als ein Jahrzehnt. Auf dem Höhepunkt im Jahr 2013 fanden bereits in den ersten acht Monaten 133 Vorstellungen statt, durchschnittlich vier in einer Woche. Die meisten Aufführungen erfüllten jedoch nicht professionellen Mindeststandards, und die Spektakel füllen mittlerweile kaum mehr die Hälfte der Halle. Als Besucher tritt hauptsächlich die chinesische Diaspora in Erscheinung, ergänzt um einige wenige österreichische Gäste. Manche chinesischen Kommentatoren äußertenschon, dass die Goldene Halle des Musikvereins in einen Karaokesaal umgewandelt wurde. Die lokale Bevölkerung nimmt diese Veranstaltungen selten wahr, und lokale Medien berichten kaum darüber. Zu welchem Zweck werden dann solche Aufführungen organisiert und wer zieht daraus einen Nutzen? Es handelt sich hier um eine Art von „Kulturreisen“, in der sich eine neue Form chinesischer Mobilität im Ausland ausdrückt. Gleichwohl kann sie nicht als „Kulturdiplomatie“ betrachtet werden; denn sie erfüllt keine überzeugenden kulturellen Standards und erreicht nicht die lokale Bevölkerung, geschweige denn offizielle Vertreter der Politik und Kulturszene Österreichs. Die „Kulturreisen“ dienen nicht dem kulturellen Austausch, sondern sind profitorientiert: Vor allem gewinnen die chinesischen und österreichischen Organisatoren, denn die Teilnehmer bezahlen selbst dafür. Sie tun dies, um „Ruhm“ in der Heimat zu gewinnen. Dieser Artikel wird versuchen, dieses seltsame Phänomen, seine Ursachen und Auswirkungen zu analysieren.

CV

Jiagu Richter, lecturer, Department of East Asian Studies, University of Vienna; Professor, Southwest University of China; Special Researcher, Tsinghua University of China. Research focus: foreign policy and history of diplomacy of China with emphasis on multilateral diplomacy; cultural diplomacy; overseas Chinese.

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